Interview

Captain Crunch über sein Vermächtnis, geheime Hotlines vom Weißen Haus und wie man mexikanischen Drogendealern das Phreaken beibringt

Von am 22.02.2015 um 21:15 Uhr | 0

John Thomas Draper, auch bekannt als Captain Crunch, 71, ist ein Pionier der frühen Phreaking-Szene der Siebzigerjahre. Als einer der ersten war er in der Lage, mit sogenannten Blue Boxes kostenlose Ferngespräche über das analoge Telefonnetz zu führen. Mitunter benötigte er nur eine blaue Trillerpfeife aus einer Cornflakespackung, mit der ein 2600 Hz-Ton erzeugt werden konnte, um mit einem Pfiff das System auszutricksen. Draper hat in den Siebzigerjahren mehrere Haftstrafen wegen (Telefon-) Betrugs abgesessen. Im Interview mit digitalista erzählt er vom Abhören des Funkverkehrs der Wärter, wie er Mithäftlingen Nachhilfestunden in Sachen Phreaking gab und eine Hotline vom Weißen Haus hackte. 

Mr. Draper, bitte erzählen Sie uns von Ihren Anfängen.

In the Sechzigerjahren belegte ich einen Kurs für Assembler auf dem IBM System/360. Damals arbeitete man noch mit Lochkarten. Das war echt beschissen. Die Karten mussten in ein Lesegerät gesteckt werden, anschließend dauerte es stundenlang, bis das Ergebnis errechnet wurde. Dann stellte ich fest, dass ich irgendwo ein Semikolon vergessen hatte und alles noch einmal von vorne machen musste.

Wie kamen Sie zu dem Namen “Captain Crunch”?

Ich war auf der 2111 Conference, das war so etwas wie eine große Party-Hotline. Man konnte sich nur per Blue Box einwählen, daher war die Elite unter sich. Es waren kaum Amateure dabei. Dafür aber Leute, die wirklich eine Menge über Telefonsysteme verstanden. Ich nannte mich einfach „John aus San Jose“. Irgendwann wurde ich gefragt, ob ich mir nicht ein einfallsreicheres Pseudonym zulegen wolle. Ich fragte, ob „Captain Crunch“ schon verwendet würde. Das war nicht der Fall, also legte ich mir diesen Namen zu und dabei ist es bis heute geblieben.

Wann genau fingen Sie mit dem Phreaken an?

Das war im Jahr 1969. Die Telefongesellschaften in den USA benutzten die sogenannte Innenband-Signalisierung. Das bedeutet, dass die Steuersignale über den gleichen Kanal übertragen wurden wie die Sprache. Um es vorsichtig auszudrücken: Das war eine dämliche Konstruktion, sie eröffnete gewaltige Lücken im gesamten Telefonnetz.

Welche Telefonsysteme waren betroffen?

In diesem Fall alle. Es gab kein Netz, in dem es nicht funktionierte. Das habe ich anhand eines uralten Fernsprechapparates nachgewiesen. Durch das Kurbeln wurde ich mit der Vermittlungsstelle verbunden. Die Telefonistin hob ab und ich sagte „Hey, ich möchte eine Datenverbindung herstellen“. „Das geht von diesem Telefon aus?“ entgegnete sie. „Ja“, sagte ich, „ich muss nur die akustischen Signale verbinden. Gehen sie bitte einfach aus der Leitung und lassen sie mich meine Arbeit machen“. Sie verband mich mit einer kostenlosen 0800er-Nummer, anschließend brachte ich das System durch einen 2600-Hertz-Ton durcheinander und es funktionierte.  Ich konnte mit alten Fernsprechern kostenlos per Blue Box Ferngespräche führen. Dieses Beispiel soll nur verdeutlichen, dass es wirklich überall möglich war. Es ging mit jedem Telefon, überall. Es gab keins, wo es nicht funktionierte.

Warum haben Sie das gemacht?

Die reine Tatsache, dass diese Lücke bestand, und ihr gewaltiges Ausmaß haben mich sehr fasziniert. Ich musste einfach ein Telefonnetz aufspüren, wo es nicht klappte. Aber das gelang mir nicht. Es funktionierte in jedem einzelnen Netz.

Später wurden Sie wegen (Telefon-) Betrugs zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt.

Die Behörden waren äußerst nervös, was diese Kenntnisse anging. Womit diese Volltrottel aber nicht gerechnet haben war, dass ich im Knast Nachhilfestunden in Sachen Phreaking geben könnte. Sie hätten mich einfach einstellen sollen, dann hätte ich in wenigen Monaten die Fehler behoben. Aber Neeein, sie haben mich mit ihren Gesetzestexten beworfen, weggesperrt und den Schlüssel weggeschmissen. Sie steckten mich lieber zu den Leuten, von denen man als Allerletztes möchte, dass sie über so etwas Bescheid wissen. Das war ihr größter Fehler.

Ernsthaft? Phreaking-Nachhilfestunden im Knast?

Im Knast geht es ums Überleben. Ich war eher ein Geek, körperlich halbwegs fit, aber nicht wirklich stark. In einer Schlägerei hätte ich keine Chance gehabt. Also habe ich die fiesesten, gemeinsten und böswilligsten Mithäftlinge aufgesucht und mich mit ihnen angefreundet. Und dann habe ich ihnen beigebracht, wie man eine Blue Box baut. Ich hatte eine Menge Spaß daran, den Leute zu zeigen, wie es geht. Viele waren nicht gerade schlau. Aber es war eine Herausforderung, mexikanischen Drogenhändlern beizubringen, was sie mit ihrem Telefon alles anstellen können.

Wie denken Sie heute über Ihre Zeit im Knast?

Ich habe auch eine Menge Spaß daran gehabt, die Namen der Richter auf Schweinerücken zu pinseln. Der Knast, das Lompoc Federal Prison in Kalifornien, war nämlich eine staatlich geförderte Schweinefarm. Es gab jede Menge Schweine und auch Kühe.

Welche Lebenserfahrung haben Sie in dieser Zeit gesammelt?

Nun ja.. ich wollte wissen, wann die Wärter in der Nähe waren. Also schnappte ich mir ein altes Antennen-Radio und modifizierte es so, dass es den Funkverkehr der Wärter empfangen konnte. Dafür musste ich lediglich ein bisschen an den Drähten herumspielen. Am Ende habe ich noch einen simplen Schalter eingebaut. Wenn ich den umlegte, empfing das Radio die Funkwellen der Walkie-Talkies. All das habe ich mit großer Freude auch den anderen Insassen beigebracht.

Eine weitere, oft wiederholte Geschichte besagt, Sie hätten eines Tages sogar Präsident Nixon am Apparat gehabt. Stimmt das?

Naja, mehr oder weniger. Ich tastete alle kostenlosen 0800er-Nummern von ganz Washington, D.C. ab. Bei einer der Nummern reagierte die Person auf der anderen Seite der Leitung wirklich schroff und drängte mich dazu, aufzulegen. Nach ein paar Tagen nahm ich mir diese Nummer noch einmal vor. Ich erzählte so einen Blödsinn wie „Hallo, hier ist die Abteilung für die Erschließung neuer Gebiete von AT&T.  Wir haben eine Frage zu Ihrem 4a-Netzwerk. Welche Nummer haben wir gewählt?“. „Sie haben die Krisenhotline der CIA gewählt“ kam es zurück. Es stellte sich heraus, dass es sich um eine Notfallnummer für Agenten handelte. Mit dem entsprechenden Zubehör konnten diese ihre Anrufe abhörsicher verschlüsseln. Für die reine Herstellung der Verbindung reichte aber ein ganz normaler Anruf. Ich notierte mir diese Nummern, denn sie könnte mir bestimmt noch sehr nützlich sein.

Ein paar Tage später ging ich zu einer Party von anderen Phreaks. Sie waren im Besitz der A&T Conference Nummer, die war wirklich cool. Wir tauschten gegenseitig die Nummern aus, und plötzlich hörte ich diesen Typen, Adam, wie er die von mir mitgebrachte Nummer anrief: „Könnte ich bitte Olympus sprechen?“ (Anm. d. Red.: Olympus war angeblich der Codename für Präsident Nixon). Dann kam Nixon an die Strippe und Adam sagte: „Sir! Wir haben eine nationale Krise! Uns geht das Toilettenpapier aus!“. Dann legten wir auf.

Das Blue Boxing war auch in Deutschland sehr populär. Einige Freaks wählten sich damit über ihren Commodore Amiga in Bulletin Board Systeme (BBS) ein, um Sachen hoch- und herunterzuladen. Hatten Sie jemals einen Amiga oder C64?

Nein, nie. Aber ich weiß, dass Commodore in Deutschland sehr, sehr bekannt war. In den Jahren 1988 und 1989 nahm ich am CCC (Chaos Computer Club) Kongress teil. Jeder hatte damals einen C64, es war einfach das System. Das gleiche gilt für den Amiga.

Waren Sie in letzter Zeit mal wieder in Deutschland?

Das letzte Mal im Jahr 2011. Ich war ziemlich blank und kündigte meine Ankunft über meinen Blog und Twitter an. Wer mich sehen wollte, sollte nur die Kosten für die Zugfahrt übernehmen. Daraufhin haben sich drei Leute gemeldet. Ich fuhr nach Gütersloh und verbrachte ein paar Tage bei einem Mac-Programmierer, ein ziemlich cleverer Kerl. Danach bin ich noch nach Mannheim weitergereist und habe mich dort mit ein paar Leuten getroffen.

Was machen Phreaker heutzutage denn überhaupt so?

Ich bin aus dieser Szene mehr oder weniger draußen. Aber sie hat sich wahnsinnig stark weiterentwickelt. Heute dreht sich alles um das Hacken von VoIP (Voicer over IP) wie beispielsweise von Skype und so etwas. Man kann eine Skype-Verbindung knacken und sich einfach als jemand Fremdes ausgeben.

Welchen Messaging-Dienst würden Sie denn empfehlen?

Falls Sie ein Gerät mit Android, ein iPhone oder ein iPad haben kann ich Ihnen nur empfehlen, Wickr zu verwenden. Es ist ein Messaging-Programm, bei dem keine Nachweise geführt werden, dass eine Nachricht verschickt wurde. Es gibt auch keine Metadaten. Der Schlüssel für eine Konversation wird immer erst zu Beginn generiert und am Ende entsorgt. Er wird nicht einmal mehr auf einem Server gespeichert. Und Sie ersparen sich die ganze Fummelei mit den Einstellungen, denn es ist bereits alles vorkonfiguriert. Es ist wirklich kinderleicht.

Wie denken Sie darüber, dass heutzutage Geheimdienste rund um den Globus Kommunikation überwachen und mitschnüffeln?

Das überrascht mich keineswegs. Ich wusste schon immer, dass diese Machenschaften existieren. Dafür brauchte ich keinen Edward Snowden! Aber der Kerl hat Eier, daran gibt es keine Zweifel. Er hat sein gesamtes Leben aufs Spiel gesetzt, damit die Leute erfahren, was los ist. Davor kann man nur den Hut ziehen! 

Der erste Whistleblower, der die Existenz der NSA enthüllte, war der ehemalige NSA-Analyst Perry Fellwock. Im Jahr 1971 verriet er erstmalig Details über das weltumspannende Spionagenetzwerk ECHELON.

ECHELON war damals top secret, keiner wusste davon. Das System basierte auf bestimmten Schlüsselwörtern wie „Entführung“ oder „Terrorist“, bei denen es aktiv wurde. Das Gespräch wurde anschließend aufgezeichnet, war aber nicht komplett zugänglich. Die Geheimdienste konnten aber jederzeit die Metadaten auswerten. Sprich so etwas wie die eigene und die gewählte Telefonnummer, das Datum und die Uhrzeit des Anrufs, über welchen Anbieter der Anruf getätigt wurde und so weiter. Diese ganzen Sachen wurden dann irgendwo in der riesigen Datenbank der NSA abgelegt. Dadurch konnten sie noch zehn Jahre später zurückverfolgen, dass du dich wegen Zahnschmerzen bei deiner Mutter ausgeheult hast. Das ist ihr Geschäft. Und so geht das schon seit den Sechzigerjahren!

Lassen Sie uns einen Sprung in die Gegenwart machen. Woran arbeiten Sie gerade?

Für mich gibt es keine Jobs mehr. Bei uns in den Staaten gibt es für verurteile Straftäter keine Möglichkeiten mehr. Man steht einfach auf einer schwarzen Liste. Offensichtlich ziehe ich aber auch einfach die falschen Leute an. Ich gerate immer an irgendein Großmaul, das viel verspricht und am Ende doch nichts einhält.

Sie sind jetzt 71 Jahre alt und verbrachten in jüngster Zeit mehrere Aufenthalte im Krankenhaus. Wie steht es um Ihre Gesundheit?

Als ich vor einiger Zeit in Bangkok in Thailand arbeitete, diagnostizierten die Ärzte eine degenerative Erkrankung der Wirbelsäule. Sie empfahlen sofort eine Operation. Als ich zurück in den USA war, legte ich mich sofort unter das Messer. Danach musste ich noch mehrmals behandelt werden, zuletzt in Pattaya. Aktuell bin ich wieder zurück in den USA.

Alles hat einen Anfang und ein Ende. Wie denken Sie über den Tod?

Ich versuche, nicht daran zu denken. Auch wenn ich im Krankenhaus bereits erste Eindrücke über das Sterben sammeln konnte und bereits die andere Seite gesehen habe. Die Ärzte haben mich zurück ins Diesseits geholt. Ich versuche es einfach auszublenden.

Was ist Ihr Vermächtnis? Woran sollen die Leute denken, wenn sie sich eines Tages an Captain Crunch erinnern?

Ich möchte als Geek, als Nerd in Erinnerung bleiben. Als jemand, der die Computerrevolution vom ersten Tag an begleitet hat. Denn ich habe sie vom ersten Tag an mitgemacht.

 

Wer John Draper für seine medizinische Behandlung finanziell unterstützen möchte, seine PayPal-Adresse ist savecaptaincrunch@gmail.com .