We made Amiga, They fucked it up

Commodore und das Osterei-Fiasko

Von am 17.10.2015 um 19:00 Uhr | 0

Erst gestalten die Entwickler die Hard- und Software, dann soll die Marketing-Abteilung die Kunden für das fertige Produkt begeistern. Was passieren kann, wenn beide Lager sich aber richtig spinnefeind sind, zeigt ein Beispiel aus dem Jahr 1987. Bei der Firma Commodore gipfelte dieser Konflikt in einem der sehenswertesten „Easter Eggs“ aller Zeiten.

Es fing alles so harmonisch an: Bei der Übernahme von Amiga, Inc. durch Commodore im Jahr 1985 behielt das neue Management die komplette Belegschaft des ursprünglichen Amiga-Teams und spendierte den neuen Mitarbeitern auch gleich großzügigere Büroräume in Los Gatos, Kalifornien. Umgeben von sattem Grün, einem weitläufigen Park und zahlreichen guten Restaurants würden die Entwickler des Amiga ihre Kreativität voll entfalten können – so die Hoffnung der Commodore-Manager.

Dieses Entgegenkommen konnte jedoch nicht verhindern, dass sich schon bald darauf ein gewaltiger Graben zwischen den Entwicklern von der Ostküste und der Marketing-Abteilung an der Westküste auftun sollte. Dass beide Lager fast 3000 Meilen von einander entfernt lagen, trug nicht unbedingt zur Verbesserung der Lage bei.

Die Entwickler hatten zunächst ganze Arbeit geleistet, denn die Hardware des Amiga war seiner Zeit weit voraus. Während man bei IBM PCs und Apple Macintoshs zumeist noch auf monochrome Bildschirme starrte, konnte der erste Amiga durch satte Farben, Animationen, Multitasking-Fähigkeit und guten Stereo-Sound punkten. Und das, obwohl der Amiga 1000 im Vergleich zu den Wettbewerbern nur etwas mehr als die Hälfte kostete. Rein technisch gesehen war die Ausgangslage also durchaus vielversprechend.

Miserables Marketing

Was die Marketingabteilung bei Commodore dann jedoch daraus machte, erhitzte – nicht nur bei den Entwicklern – die Gemüter. Beeindruckt vom Werbeerfolg von Apple versuchte Commodore, einen ähnlichen Weg einzuschlagen. In der Werbung wurde der Amiga fortan vor einem nostalgischen Hintergrund als neues Lebensgefühl positioniert. Heraus kamen Fernsehspots, in denen sich ein betagter Senior in futuristischer Umgebung durch die Begegnung mit einem Amiga zu einem Baby zurückverwandelt oder Clips, die zeigen sollten, wie Menschen sich durch einen Amiga besser im allgemeinen Konkurrenzkampf durchzusetzen konnten. In Printmedien schaltete man Schwarzweiß-Anzeigen von Kindern, die Seifenkistenrennen fahren. Deren scharfsinniger Claim: „Wenn man heute Zweiter wird, hat man das Rennen verloren“.

Zu diesen abenteuerlichen Marketingideen gesellten sich handfeste Probleme im Einzelhandel. Amigas waren in den meisten Geschäften schlicht nicht verfügbar. Commodore hatte es verschlafen, rechtzeitig ein großes Händlernetz aufzubauen um den Absatz anzukurbeln. Folglich waren die Verkaufszahlen des Amiga im Jahr 1986 sehr überschaubar. Commodore geriet in finanzielle Schieflage, selbst die Teilnahme an der jährlichen Consumer Electronics Show (CES) sagte man überraschend ab.

Konkurrenten wie Atari schlugen sich dagegen deutlich besser. Der Atari ST stand überall in den Läden und eine Vielzahl von Software-Publishern konnte frühzeitig von der Plattform überzeugt werden.

Die gegenseitigen Schuldzuweisungen ließen nicht lange auf sich warten und variierten je nach Sichtweise: Für die Amiga-Urgesteine in Los Gatos kam das desaströse Marketing einem persönlichen Verrat gleich, betrieben von einem Haufen Versager. Im Commodore-Hauptquartier in West Chester dagegen sah man in den neuen Kollegen von der Ostküste wohl nur einen Haufen durchgeknallter Nerds und den eigentlichen Grund für die Misere.

We made the Amiga, They fucked it up

Ein schöner Beweis, wie tief der Graben zwischen den streitenden Parteien am Ende schließlich war, ist durch eine versteckte Funktion im Betriebssystem des Amigas aus dem Jahr 1987 überliefert. Entwickler wie RJ Mical („INTUITION by =RJ Mical= Software Artist Deluxe”), Carl Sassenrath (“All things are in Flux!”) oder Dale Luck (“Brought to you by not a mere Wizard, but the Wizard Extraordinaire: Dale Luck”) waren ohnehin berüchtigt dafür, der Welt ihre Ansichten über versteckte Botschaften mitzuteilen. Naheliegend, dass sich die große Verärgerung in diesem Fall nun auf einem ähnlichen Weg entlud: Nach einem Update erhielten Anwender durch das gleichzeitige Drücken mehrerer Tasten auf der Benutzeroberfläche Workbench unter anderem die Botschaft „We made the Amiga, They fucked it up“ (freundlich übersetzt „Wir haben den Amiga erschaffen, sie haben es vermasselt“).

Den beteiligten Akteuren war schnell klar, wer hier mit „sie“ gemeint war. Nachdem dieser charmante Entwicklergruß im Quellcode des Kickstart-ROMs entdeckt worden war, wurde er durch "Amiga: born a champion." ersetzt. Das dachten zumindest die Verantwortlichen bei Commodore. Tatsächlich war die gleiche Botschaft auch in späteren Versionen noch enthalten, nur noch besser versteckt. Um den Text anzuzeigen, musste man nun nicht nur die verschiedenen Tasten drücken, sondern zusätzlich auch noch eine Diskette einwerfen.

Für eine große Lieferung von Amigas, die bereits nach Großbritannien verschifft worden war, kamen diese Änderungen ohnehin zu spät. Deren Chips trugen alle noch die mittlerweile in der Öffentlichkeit bekannt gewordene Botschaft in sich. Commodore blieb nur der harte Weg:  Tausende von Amigas wurden aus den Verkaufsregalen zurückgeholt und die entsprechenden ROM-Chips neu geflashed. Ein schmerzhafter Einschnitt, schließlich verpasste man so für drei Monate das Geschäft in einem der wichtigsten europäischen Märkte.

Für das Management von Commodore war dieses Ärgernis wohl der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Die Mitarbeiterzahl in Los Gatos schrumpfte zunächst von ursprünglich 80 auf rund ein Dutzend, im März 1987 wurde die Niederlassung schließlich komplett geschlossen. Den verbleibenden Mitarbeitern wurde das Angebot unterbreitet, an die Westküste in das Hauptquartier überzusiedeln – welches diese dankend ablehnten. Lieber feierte man mit den Mitgliedern des ursprünglichen Amiga-Entwicklerteams noch eine denkwürdige Abschiedsparty. Alles deutete auf das Ende des Amiga hin.

Doch der große Erfolg des Amiga – besonders in Europa – stand erst noch bevor. Commodore zog die richtigen Lehren aus dem anfänglichen Misserfolg und übertrug die Entwicklung eines neuen Modells den hausinternen Entwicklern aus West Chester. Viele der Amiga-Urgesteine verließen die Firma. Dem erfolglosen – und mit knapp 4000 DM bei seiner Premiere im Sommer 1986 auch sehr teuren – Amiga 1000 folgte bald darauf ein neues, günstigeres Modell: der Amiga 500. Mit ihm sollte Commodore bald an die Erfolge des C 64 anknüpfen und einen weiteren Grundstein für das goldene Zeitalter der Heimcomputer legen.