Emotionslos

Windows und die Apfel-Killer

Von am 26.02.2017 um 12:40 Uhr |

Jahrzehntelang war die Veröffentlichung eines neuen Windows-Betriebssystems immer ein Ereignis und hat die Gemüter bewegt. Heute gibt es nur noch Windows 10, das als „das letzte Windows“ in regelmäßigen Abständen erneuert werden soll. Aber interessiert das überhaupt noch jemanden?

Am Ende war Bill Gates irgendwie doch der coolste von allen. Es war das Jahr 2006, ich war erst wenige Monate bei Microsoft und im Büro der Marketingabteilung für Windows lag unbeachtet ein verschweißtes Exemplar von seinem Buch „Digitales Business – Wettbewerb im Informationszeitalter“ herum. Mit der Bitte, es zu signieren, schmiss ich es in die Hauspost adressiert an das Büro vom Chef. Nach ein paar Wochen kam es tatsächlich mit einer Widmung zurück: „To Christian, Best wishes, Bill Gates“.

Wenn der CEO eines amerikanischen Weltkonzerns mit damals über siebzigtausend Mitarbeitern sich die Zeit nimmt und einem Praktikanten aus Deutschland ein Buch signiert, so finde ich das einfach ziemlich cool. Oft habe ich mich gefragt, wie es mit Microsoft und Windows wohl weitergegangen wäre, wenn Bill sich nicht 2008 zugunsten seiner Stiftung aus der Firma zurückgezogen hätte. Ob einem dann unausgegorene Releases wie Windows Vista und Enttäuschungen wie Windows 8 erspart geblieben wären?

Bill Gates Digitales Business signiert

Dazu muss ich sagen, dass ich Zeit meines Lebens ein wirklich großer Fan von Windows gewesen bin. Wenn man dann eine Festanstellung in der Windows Core Operating System Division bekommt, kommt das einem Traum von Berufswunsch schon ziemlich nahe.

Windows Vista und Windows 7

Meilensteine wie der Launch von Windows 95 mit musikalischer Untermalung von den Rolling Stones und „Start me up“ oder Windows XP waren leider lange vor meiner Zeit. Aber immerhin habe ich von Windows Vista bis Windows 10 alle Events miterleben dürfen. Zu Zeiten von Windows Vista und Windows 7 wurde noch richtig Marketing-Geld für große Launch Events in Deutschland ausgegeben. Später fielen die Budgets immer spärlicher aus. Zusammen mit mehreren Partnern wie Acer, Asus, Intel, Nvidia u.v.m. wurden VIPs und TV-Sternchen dazu geholt, um das Ganze aus der angestaubten IT-Ecke herauszuholen und allem ein bisschen Glamour zu verleihen (siehe Fotogalerie unten). FC Bayern statt Bytes.

Windows Vista Launcht Event

Foto vom Windows Vista Launch Event (c) Microsoft 2007

Windows war damals für viele auch eine Herzensangelegenheit. Zum einen bei Microsoft intern, wo es in Deutschland großartige Kollegen mit speziellem Fokus auf Windows gab. Da gab es zum Beispiel noch die Stelle eines Windows SPMs in Unterschleißheim: dieser Subsidiary Program Manager war sozusagen der technische Windows-Guru im Haus. Es gab auch ein mehrköpfiges Community-Team zur Betreuung der großen Windows-Communities wie WinFuture oder Dr.Windows. Doch im Laufe der Jahre verschwanden diese Stellen leider bzw. wurden zusammengelegt.

Auch privat gab Windows viel Anlass zu Frust und Freude. Freunde und Bekannte haben regelmäßig Bluescreens verteufelt und sich über langsame Windows-Rechner beklagt (vor allem diejenigen, denen Malware heute noch ein Fremdwort ist). Mit jeder neuen Version kam auch immer wieder die Frage auf, ob ein Umstieg sich denn auch lohnen würde.

Unvergesslich auch, wie damals zwei Kuttenträger zu unserer Microsoft-Infotheke auf der CeBIT (die früher sowieso besser war) kamen und einen leidenschaftlichen Disput über die Nachteile von proprietären Systemen und Vorteile von Open Source vom Zaun brachen. Oder der liebenswürdige ältere Herr, der stolz von seinem Umstieg von den ersten Rechnern mit Lochkarten auf Windows berichtete und „Off-fitze“ (gemeint ist Office) lobte. Kurz gesagt, Windows bewegte die Gemüter. Aber das sollte sich mit dem iPad ändern.

Tablets, Ultra-Mobile PCs und Windows 8

Kurz nachdem Apple im April 2010 das erste iPad herausgebracht hat, hielten wir es nach Feierabend in den Händen und unterzogen es einer ersten Einschätzung. Rückblickend finde ich es bezeichnend, dass – und wer will es ihnen verdenken - selbst gestandene Branchenprofis mit mehr als zehn Jahren IT-Erfahrung damals die Möglichkeiten des iPad zunächst vollkommen unterschätzt haben („Wie soll ich denn mit dem Ding E-Mails schreiben?“). Ultraflach, kaum Anschlüsse, nur mit Touchscreen und über intuitive Wischgesten zu bedienen - es war einfach zu ungewöhnlich, was Steve Jobs sich da ausgedacht hatte.

Zur Erinnerung: Microsoft hat sich schon Jahre davor in ähnlicher Richtung versucht. „Ultra-Mobile PCs“ hießen die kleinen, aber klobigen Geräte, die mit einer Mischung aus Touchscreen, Tastatur und Stifteingabe zu bedienen waren. Sie kamen 2006 auf den Markt und hätte ich nicht bei Microsoft gearbeitet, ich wäre wohl nie mit so einem Ding in Berührung gekommen. Denn sie waren ausgesprochen teuer. Die Bedienung gestaltete sich als schwierig, denn Windows wurde einfach nur auf einen kleinen Bildschirm gequetscht. Was aber die Benutzeroberfläche anging, so war nichts speziell für diesen kleinen Formfaktor konzipiert. Zu diesen Unzulänglichkeiten der Software kam die Hardware, die zu dem Zeitpunkt einfach noch nicht für diese Idee bereit war.

Haben Sie schon einmal versucht, das Display ihres iPad zu kalibrieren? Diese Funktion gibt es gar nicht. Sie wäre auch nicht nötig, weil die Geräte seit jeher so unheimlich präzise auf alle Berührungen reagieren. Bei den ersten Laptops mit Touchscreen dagegen war die Steuerung per Finger (und selbst noch mit Stift) häufig so ungenau, dass man regelmäßig ein Programm zur Neuausrichtung des Bildschirms starten musste. Wer damals eines der ersten, sündhaft teuren Subnotebooks mit Touchscreen in den Händen gehalten hat, weiß, wie beachtlich dieser technische Fortschritt ist. Wenn man das alles berücksichtigt und dann noch das gewaltige Potential eines eigenen Stores mit Apps dazu nimmt, versteht man erst, wie bahnbrechend die Leistung von Steve Jobs war.

Apple Killer Windows 8

        (c) digitalista.de 2012

Windows 8 mit seiner Kacheloptik als Microsofts Antwort auf diese neue Herausforderung blieb bekanntermaßen deutlich hinter den Erwartungen zurück.

Während Apple weiter fleißig seine iPads verkaufte und ein neues Segment für Tablets aus dem Boden stampfte, wurden in Deutschland diese Äpfel an Mitarbeiter und Kunden verteilt.

Windows heute

Apple hat den "Windows 8-Angriff" überlebt und Microsoft hat mit Windows 10 zumindest wieder ein vernünftiges Betriebssystem veröffentlicht. Satya Nadella hat viele Versäumnisse seiner Vorgänger aufgeräumt, Windows 10 für Android- und iOS-Apps geöffnet und der ganzen Firma eine neue Kultur verpasst. Ein Erfolg, der sich sowohl im Aktienkurs als auch in der eindrucksvollen Kurve von Windows 10-Marktanteilen widerspiegelt. 

Gewinnbringer sind allerdings vor allem die Einheiten für Office und Cloud, während das Geschäft mit Windows in den meisten zurückliegenden Quartalen immer schwächer wurde. Als Feindbild hat Windows in meinem Umfeld ausgedient. Keiner macht sich mehr über Abstürze lustig oder fragt überhaupt einmal nach Rat. Es besteht einfach kein Interesse mehr. Von großen Desktoprechnern oder Notebooks haben sich viele Bekannte mittlerweile getrennt und benutzen stattdessen iPads oder Smartphones mit großen Displays. Die PCs mit Windows sind bei vielen ziemlich betagt und häufig nur noch auf der Arbeit im Einsatz.

Wer wäre heute auch überhaupt noch bereit, viel Geld für ein Betriebssystem auszugeben? Verrückt, wenn man überlegt, dass die UVPs damals bei $399,00 (Windows Vista Ultimate) und $319,99 (Windows 7 Ultimate) lagen.

In der Konsequenz all dessen strahlt Windows für mich mittlerweile eine ähnliche emotionale Anziehungskraft wie das Druckerpapier im Büro aus. Man benutzt es, aber Begeisterung kommt nicht auf. Und obwohl ich eine Handvoll Lizenzschlüssel für Windows 10 besitze, läuft auf allen meiner vier PCs daheim noch immer Windows 7.